Pseudospirituelle Phrasen
Damit wurden Sie bestimmt schon mal konfrontiert:
„Wie oben so unten”
„Wie innen so außen”
„Lebe im Hier und Jetzt”
„Krankheit als Weg”
„Schicksal als Chance”
etc., etc. …
Die oben aufgeführten Phrasen gehören mittlerweile zur spirituellen Grundausstattung und jeder Feld-, Wald- und Wiesenspirituelle, der etwas auf sich hält, hat sie im Gepäck.
Weil er sie für wirksame und universelle Augenöffner hält, streut er sie gern und häufig bei allen Gelegenheiten, die ihm passend dünken, ins Gespräch und freut sich sehr über die Reaktion seines Gegenübers, die er als Punkt zu seinen Gunsten auslegt, egal wie sie ausfällt: Verhaltene Reaktionen werden als Akzeptanz gedeutet, lautstarke Zustimmung - häufig der Verlegenheit geschuldet - erst recht. Und schon hat er wieder einen Unwissenden vor dem großen Schaden mangelnder Erkenntnis bewahrt, was ihm das schöne Gefühl gibt, auf dem richtigen Weg zu sein.
Sollte der unwahrscheinliche Fall vehementer Gegenwehr eintreten, war der andere halt noch nicht so weit und der unerschrockene Versuch wird trotzdem als Erfolg auf der nach oben offenen Punkteskala für „Ich fühle mich als hoch entwickeltes Bewusstsein” eingetragen.
Mit anderen Worten: Selbstberufene Prediger des spirituellen Blablas sind durch nichts zu erschüttern. Egal wie’s kommt, sie machen das Beste daraus und das Beste bedeutet in ihrem Fall immer sich ob ihrer unermüdlichen Beharrlichkeit auf die Schulter zu klopfen, verstehen sie sich doch als „Quell in der Wüste”, als „Wasser des Lebens”, als „Licht im Dunkel” und als „Silberstreif am Horizont”.
Und so reden und reden sie unablässig weiter, denn wo wäre die Welt ohne die unermüdlichen Streiter und Kämpfer für das wahre Wort zur rechten Zeit am rechten Ort?
Die Welt wäre möglicherweise ein ruhigerer, weniger selbstgefälliger Ort, vielleicht wäre sie auch etwas weniger selbstgerecht, aber ganz sicher würde das Schweigen dieser Menschen keinen echten Verlust mit sich bringen. Denn erstens kann kaum jemand von ihnen vernünftig erklären, was er da eigentlich schwätzt, zweitens misst sich wahre Spiritualität nicht an dem, was jemand von sich gibt, sondern ausschließlich an dem von ihm gelebten Leben und drittens unterscheidet sich das Selbstbild dieser Menschen meist beträchtlich von dem Bild, das sie tatsächlich werfen.
Der Umgang mit spirituellen Schwätzern stellt sich so vor allem als peinvolle Übung in Sachen Selbstbeherrschung dar: Man könnte sie in die Schranken weisen, würde dann aber das Gebot der Nichteinmischung verletzten und müsste sich offenbaren, was man nicht will. Man möchte ihnen aber auch nicht dauerhaft zuhören müssen, schon gar nicht, wenn sie begeisterte Zustimmung erwarten und erst recht nicht, wenn man ihnen häufiger begegnet oder gar ausgeliefert ist, weil sie z.B. als Lehrer die Deutungshoheit über einen wichtigen Bereich unseres Lebens haben.
Kritik vertragen diese Klugschwätzer zwar nur schlecht oder gar nicht, aber ein gewisser Widerstand ist angebracht: Bleiben Sie standhaft und beugen Sie sich nicht! Selbst wenn sie sich nicht mehr als stummen Protest leisten können, weil sie Gefahr laufen, sonst eine böse Auseinandersetzung zu riskieren, Ihr Schweigen sollten Sie sich nicht abkaufen lassen. Denn das Innere ist keineswegs immer wie das Äußere und ob eine Krankheit tatsächlich ein Weg und nicht das Ziel ist, ist von Fall zu Fall verschieden, so wie Schicksal nicht immer Chance ist und das Leben im Hier und Jetzt von geradezu sträflicher Dummheit sein kann. Allein dass das Unten, wie das Oben ist, ist wahr und deshalb immer gültig, aber sie werden kaum jemand finden, der ihnen diese vier Worte in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang einordnen kann, weshalb ihr Respekt gegenüber dem, der sie von sich gegeben hat, nicht größer sein muss, als angemessen.
Spirituelle Phrasen sind wie alle anderen Phrasen auch: Hohl, leer und überaus stumpfsinnig. Sie werden von sich gegeben, weil nichts Besseres einfällt und sie haben keinen anderen Zweck als den, Lücken zu füllen, die jemand nicht anders füllen kann. Einen anderen Sinn erfüllen sie nicht oder wie hilfreich ist der Aussagewert einer Phrase wie: Auf Regen folgt Sonnenschein? Aha, da geht’s mir doch gleich viel besser.
Abgelegt in Spirituelle Irrtümer | Druckansicht des Beitrags