Über den Ursprung der Welten

Per Wochenendkurs zur Erleuchtung

1. Februar 2009 von Helena Balasz

Pseudospiritualität - wem sie nutzt, wem sie schadet und warum sie so überaus erfolgreich ist.

Entbehrung
Disziplin
Einsamkeit
Askese
jahrzehntelanges Studium
harte körperliche Arbeit
Überwindung des eigenen Egos
Schweigen
Fragen
Nachdenken
Einfachheit
Rückzug
Verinnerlichung

Alles Begriffe, die mit dem Begriff Spiritualität aufs Engste verbunden waren. Sie waren christlichen Mönchen ebenso selbstverständlich, wie buddhistischen. Sie galten für Eingeweihte und Novizen, sie galten sogar für jene einfachen Menschen, die nur versuchten ein „gottgefälliges Leben” zu leben. Aber für die modernen Spirituellen, für die Verkünder des Wassermannzeitalters, für die Aufklärer „der wahren göttlichen Geheimnisse” gelten sie nicht mehr - die schlagen einen anderen Weg ein:

Gott ist Liebe
Liebe dich selbst - dann wird dich auch deine Umwelt lieben
Du bist gut, so wie du bist
Urteile nicht
Lebe den Frieden
Wahrheit ist subjektiv
Denke dir dein Leben von Tag zu Tag besser
Du musst loslassen
Ähnliches zieht Ähnliches an
Wie innen so außen
Heile dein inneres Kind
Finde deinen „life-purpose”
Was ist deine Mission?
Lebe im Hier und Jetzt
Es gibt kein Richtig und kein Falsch
Jeder hat seinen eigenen Weg
Folge deinem inneren Licht
Sei du selbst, sei authentisch

und am allerwichtigsten jene neue Regel, die den wirklich großen Unterschied zu früher macht: Gehe hin, verkünde deine frohe Botschaft und schäme dich dessen nicht!

Diese Regel ist natürlich nicht wirklich neu, man hat sie schon aus anderen Mündern gehört, z.B. aus dem Mund eifriger, christlicher Missionare. Aber dass Menschen, die vorgeben spirituell zu sein, aus freien Stücken und ohne Not, von sich aus ihre gesammelten Weisheiten unters Volk tragen, das ist geradezu revolutionär. Das hat es in der Geschichte der Spiritualität, die immer eine stille, verschwiegene und zurückgezogene Geschichte war, bislang nicht gegeben.

Was ist geschehen?

Also schweigen tun sie nicht mehr, das darf man ganz ohne wenn und aber sagen. Sie sind wie Pilze aus dem Boden geschossen und man findet sie in Zirkeln, Foren, Gruppen und Seminaren. Sie verkaufen Tarotkarten, Klangmassagen, ätherische Öle, Farblampen, die richtige Ernährung und sogar die Heilung von tödlichen Krankheiten. Sie verkaufen den Kontakt zu Toten, Geistern, Schutzengeln und selbst den Kontakt zu Wesen vom anderen Stern, zu Energien aus anderen Galaxien und zu Gott persönlich. Die Preise schwanken je nach Ausmaß der eingebildeten spirituellen Entwicklung vom kleinen, freiwillig erbrachten Obolus bis hin zu mehren tausend Euro Honorar pro Stunde.

Sie tragen vorzugsweise warme, leuchtende Farben oder reines, unschuldiges Weiß und manche sehen so aus wie ein Double vom „Lieben Gott”, was natürlich reiner Zufall ist. Sie lächeln milde und sind ständig im „Hier und Jetzt”. Sie haben Verständnis für die eigenen Schwächen und für die ihrer Mitmenschen. Sie urteilen nicht und kritisieren tun sie schon gar nicht. Ihre Stimme ist sanft und sie sprechen in Ich-Botschaften. Ihre Überzeugungen äußern sie freundlich, aber mit Nachdruck. Unbeirrbar gehen sie ihren Weg und wenn ihre Weisheit dich nicht erreichen kann, „bist du noch nicht so weit.” Sie schreiben Bücher mit Millionenauflage und reisen als Vertreter in eigener Sache um die Welt.

Aber nicht dass Sie auf die Idee kommen, es handele sich dabei um ordinäre Kaufleute, Händler oder simple Verkäufer - völlig falsch, denn es handelt sich um eine ganz besondere Spezies dieses Berufsstandes, eine neue Art sozusagen. Eine Spezies, die es auf diesem Planeten bislang nicht gegeben hat, weil sie ein ganz besonderes Produkt verkauft: ein Produkt, das einzigartig ist, ein Produkt, das unglaublich ist, ein Produkt, dass auf der Erde noch nie zu haben war und schon gar nicht zu diesem sensationellen Preis.

Sie verkaufen „Echte Spiritualität zu fairen Preisen für Alle” und das Angebot ist vielfältig:
„In 10 Schritten zur Erleuchtung, einfach, bequem und günstig.”
„Nie wieder allein - ihr Schutzengel ist immer für Sie da.”
„Heilung in 3 Wochen - Bestellen Sie beim Universum! Jetzt!”
„Sie wollen so bleiben wie Sie sind? - Wie Sie sich selbst lieben und dabei den Planeten retten.”
„Denken Sie sich reich - Der ultimative Weg zu innerem und äußerem Wohlstand”
„Sie wollen glücklicher sein als Gott? Nichts leichter als das, wir zeigen Ihnen wie!”

Für jeden ist etwas dabei, niemand muss sich ausgegrenzt fühlen, jeder wird fündig und alle dürfen mitspielen.

Was für einzigartige, menschenfreundliche, selbstlose Angebote, und so seriös. Sie bleiben auch nicht ohne Aufmerksamkeit, im Gegenteil, sie werden gewürdigt - es finden sich Millionen und Abermillionen Menschen, die diese Angebote annehmen und den Anbietern folgen, wie die Ratten dem Rattenfänger von Hameln. Und sie folgen ganz von selbst, weil ihnen gesagt wird, was sie hören wollen. Weil versprochen wird, man könne alles bekommen und tun, was immer man will, wichtig sei nur, dass „man sich davon nicht berühren lässt”. Weil behauptet wird, man könne so bleiben, wie man ist und wäre trotzdem erleuchtet. Weil gelogen und betrogen wird und weil es genau das ist, was Menschen glauben möchten: In aller Bequemlichkeit so bleiben dürfen, wie sie sind; den gewohnten Lebensstil nicht aufgeben müssen, sondern so weiter machen können, wie bisher und den Freifahrtschein fürs Paradies trotzdem ergattern. Wer will das nicht? Das ist das Versprechen vom freien Eintritt ins Schlaraffenland - einmal direkt über Los und gleichzeitig die Schlossallee mit vier Hotels geschenkt bekommen.

Damit ist klar, dass beide Seiten profitieren: Die Anbieter, weil sie sich einreden, die Verbreitung der eigenen Weisheiten würde gewöhnlichen Sterblichen den Zugang zu deren Spiritualität ermöglichen. Das gute, das heilige Gefühl stellt sich da ganz von selbst ein und dass sie damit ohne großen Aufwand sehr viel Geld verdienen, ist ein erfreulicher, aber natürlich nicht ausschlaggebender Nebeneffekt.
Die Käufer hingegen profitieren, weil sie sich einreden, das Los, dass sie für wenig Geld erwerben, wäre keine Niete, sondern so etwas wie ein 6er im Lotto. Auf dem Los steht nämlich: „Das Füllhorn Gottes wird sich über dich ergießen. Wenn nicht sofort, dann bald. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten. Wenn gar nicht, hast du etwas falsch gemacht.” Ach ja, heilig fühlen sie sich natürlich auch, weil Lose kaufen Ausdruck fortgeschrittener Spiritualität ist.
Egal wie’s ausgeht, alle Beteiligten fühlen sich immerhin heilig und das ist schon mal ein Hauptgewinn - auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick sieht das ganz anders aus, aber dass geht im „Hosianna” und „Hoch soll’n wir leben”-Gemurmel völlig unter. Auf den zweiten Blick entlarvt der vermeintliche Hauptgewinn vor allem die Gier aller Beteiligten: Die Gier, sich gut zu fühlen; die Gier sich in seiner Bequemlichkeit einrichten zu können; die Gier nach Geld, nach Glück, nach einem Leben ohne negativen Beigeschmack  und die Gier, sich nicht länger gegenüber Dritten verantworten zu müssen: Für das, was man denkt nicht, für das, was man sagt nicht und auch nicht für das, was man tut.
Warum auch? In einer Welt, in der es keine Wahrheiten gibt, gibt es auch keine verbindlichen Regeln. Dass für den einen Sorgfalt, Umsicht und Rechtschaffenheit gelten, gilt schon lange nicht mehr für den, der sich die Freiheit erarbeitet hat, den eigenen Weg zu gehen und wer sich beschwert, hat „nichts verstanden”, auf jeden Fall aber „noch nicht losgelassen”.

Das klingt harmloser, als es ist, denn zum ersten Mal in der Existenz der Menschen wurde der spirituelle Weg zum gefährlichen Weg. Der Weg, der das Tor zur Freiheit öffnet, der Weg, der - falls er beschritten wird - hilft, die materielle Welt zu verlassen, dieser einsame, beschwerliche und ungeheuer entbehrungsreiche Weg, wurde „falsch ausgeschildert” und so zum Werkzeug der Knechtschaft - seit mehreren Jahrzehnten werden Menschen in seinem Namen in die Verstrickungen der materiellen Welt hineingeführt statt hinaus.

Anders als moderne Pseudospiritualität erlaubt wahre Spiritualität NICHT so zu bleiben, wie man ist, sich so zu lieben wie man ist oder gar noch mehr so zu sein, wie man ist, indem man seine Stärken lebt. Wahre Spiritualität verlangt ein ungeheures Maß an Selbstdisziplin, weil sie den Kampf gegen die eigenen Schwächen nicht nur aufnimmt, sondern voraussetzt. Weil sie sich nicht einseitig an positiv besetzen Begriffen ausrichtet, sondern die innere Balance und Ausgewogenheit aller Extreme verlangt. Weil sie selbst dann ein einsamer Weg ist, wenn ein Schüler seinen Meister gefunden hat, denn auf dem Weg in die Freiheit ist jedes Bewusstsein schon deshalb allein, weil es sein Ziel nur erreicht, wenn es lernt Situationen selbst richtig zu bewerten und zu bewältigen.

Und weil das eigene Bewusstsein höchste Instanz und unbestechlicher Richter in einem ist und dieser Richter nicht einmal den kleinsten, winzigsten Selbstbetrug ohne Konsequenz nachsehen wird, ist dieser Weg ein geheimer Weg. Man kann ihn nicht teilen, man kann ihn nicht übertragen, nicht in Büchern anlesen oder Seminaren erwerben. Erleuchtung, also Wissen, kann man vielleicht im Kloster erwerben, unter Beweis stellen muss man seine Spiritualität hingegen durch die Bewältigung des Alltags. Spiritualität ist gelebtes Leben und der wahre spirituelle Weg ist ein Weg für unerschrockene Kämpfer gegen das eigene Ich. Er erfordert Mut, Rückgrat und die Fähigkeit, sich selbst zu überwinden, er erfordert den Stoff, aus dem Helden gemacht sind - kaufen lässt er sich jedenfalls nicht.

Zweck dieser Artikelreihe ist es, der grassierenden „Esoterisierung des Alltags” ein wirksames Korrektiv entgegenzusetzen und gute Argumente im Umgang mit pseudospirituellen Weichspülphrasen zur Verfügung zu stellen.

Abgelegt in Spirituelle Irrtümer | Druckansicht des Beitrags

3 Reaktionen

  1. Ralf Becker

    Hallo Helena,

    vielen Dank für Ihre “nüchternde” Sicht der “Dinge”!
    Sie sprechen mir mit Ihren Worten “aus der Seele”….

    Sie benennen die Dinge, die mir seit Anbeginn meiner “Reise” in die Spiritualität immer wieder “Kopfzerbrechen” macht!
    Ich empfand mich mit meinen Zweifeln gegenüber der aktuellen “Bewegungen” als Aussenseiter…. und zwar aus Sicht der spirituellen Menschen (”Was ist Spiritualität?”, konnten mir z. B. kaum Menschen/Autoren plausibel erklären), als auch aus Sicht eben der spirituellen Bewegung heraus…

    Ich fühle (und versuche es zu leben), dass es die “spirituelle Welt” gibt, die auch für mich irgendwie “Sinn” macht und kann meine tiefe Skepsis nicht überwinden, die ich vielen “Weisheiten” gegenüber empfinde….

    Die “Normalen” hallten mich -vielleicht- für einen “Spinner”, weil ich mich mit der “Spirituellen Wellt” beschäftige (ja, ich berichte auch über “meine Wahrheit”, wenn ich danach -direkt oder indirekt- gefragt werde und die “Bewussten” sehen meine Skepsis als “nicht akzeptieren was ist”….

    Ich habe mich aus diesem “Dilemma” befreit, in dem ich ALLES auf mich bzw. meinem Inneren fokussiere und nur in mir nach “Übereinstimmungen” schaue (was ist meins, womit kann ich gefühlt was anfangen) und mir nichts “überstülpen” lasse (bzw. es zumindest versuche *zwinker*….

    Es ist schwer sich in “der Bewegung” zurecht zu finden… zumindest für mich (und anderen geht es sicher genauso).

    Ihre kritischen Zeilen sind für mich quasi eine kleine “Erlösung”, fühle ich mich dadurch nicht alleine auf weiter Flur…

    TROTZDEM bin auch ich ein “Jünger”… weil ich Eckhart Tolle verehre, dessen Werk “JETZT!” mir sehr geholfen hat, MICH umfassender “zu sehen”, als es mir früher möglich wahr…
    ABER ich erkenne, dass er mir MEINE Wahrheit in seinen Werken aufzeigt, die nicht für andere so “wahr” sein muss, wie es bei mir der Fall ist.
    Und dabei ist es mir ehrlich gesagt relativ schnuppe, ob er damit in erster Linie für sein eigenes Wohl sorgt (er verdient sicher viel Geld mit seinen Werken) oder ob es auch DIE WAHRHEIT ist oder eben “nur” MEINE Wahrheit!

    Wie auch immer, es steht jedenfalls außer Frage, dass jede “Wahrheit” auch ohne Einschränkungen kritikfähig bzw. “kritikwürdig” sein sollte….
    Er (Tolle) ist meiner Meinung nach sehr “überprüfbar” (natürlich ist das auch subjektiv) und gibt mir dadurch “Halt”…

    Ich Buch werde ich mit Interesse lesen, weil mir Ihre Grundeinstellung zu diesen Themen sehr entgegen und meinen eigenen Erfahrungen sehr nahe kommt.

    Danke dafür!

    Herzliche Grüße,
    Ralf Becker

    PS: Ihren Namen und damit Ihre Homepage habe ich von meiner Freundin mitgeteilt bekommen… die nach Antworten für Ihre momentane “Problematik” sucht… und dabei wohl auf Sie gestoßen ist…

  2. Thorsten

    Liebe Helena,

    genau so geht es zu in der Welt moderner Spiritualität! Und den Beleg gibt es per Kommentar von Ralf direkt frei Haus:
    Einerseits sprechen Sie ihm aus der Seele („niemand kann befriedigend erklären, was Spiritualität eigentlich bedeutet“), aber ein Jünger bleibt er trotzdem und seine Wahrheit verkündet er auch dann, wenn er nur „indirekt gefragt“ wird.
    Vielleicht muss man angesichts dessen zu Ihren Ausführungen noch „Rosinenpickerei“ hinzufügen? „Ich suche mir aus allem, was ich lese, das raus, was mir passt – die dazugehörigen, mir widersprechenden Teile ignoriere ich einfach (oder setze mich zumindest über sie hinweg).“
    Ich denke, Ihren Artikel richtig verstanden zu haben, wenn ich annehme, dass Sie über gerade solche Jünger und ihre Meister schreiben.

    Mit freundlichen Grüßen, Thorsten

  3. Sabine Kurz

    Liebe Helena,
    wow, was für ein beeindruckender Kommentar von Ralf, ich habe versucht, die Anführungszeichen zu zählen (leider ist jedes Mal etwas anderes herausgekommen, aber ohne doppelte Nennungen oder Zitate kam ich auf über 25 Stück), in die er Begriffe wie Wahrheit, Sinn, Weisheit oder auch das Wörtchen “nur” gepackt hat…
    Bekommt man solche Angst vor Wörtern, daß man sie nur noch quasi durch Anführungszeichen getarnt benutzen kann, wenn man sich mit Esoterik beschäftigt? Gerade diese Begriffe sind doch nicht irgendwie beliebig verwendbare Variablen, die man sich so zurechtrücken kann, wie’s gerade in den Kontext passt! Da schlagen sich die Philosophen seit über 2000 Jahren mit so einem Kram herum, was ist Sinn, was ist Zweck, was ist der Unterschied (nur so ein Beispiel), und dann wird ein paar Jahre ein bißchen esoterisches Lenor verwendet, und alles ist sowas von aprilfrisch… und kuschelweich! Und wenn mir die Wahrheit zu kratzig ist… ;-)
    Liebe Grüße
    Sabine

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