Loslassen - Ignoranz als Königsdisziplin
Paradedisziplin und „Sesam öffne dich” spiritueller Entwicklung ist das „Loslassen” - es muss unbedingt erlernt werden. Behauptet wird, dass sich mit zunehmender Fertigkeit im Loslassen das spirituelle, das gute und positive Leben nahezu von selbst einstellt. Loslassen soll man Belastendes, Bedrückendes und Negatives gleich welcher Art und welchen Ursprungs, indem man es aus seinen Gedanken und Gefühlen verbannt. Das mit dem Loslassen kommt von den ganz Schlauen, von denen, die glauben, sie hätten den Jackpot geknackt und eine ganz besonders effiziente Methode ausgeknobelt, um die Menschheit von ihren Problemen zu befreien. Hier das „Gewusst wie” in drei Stufen.
Die Stufe für Anfänger:
Bitte aussprechen, dass man loslassen muss, was schlecht ist, denn sonst ist für das Gute kein Platz. Dann das Bild von der Hand, die sich öffnen und loslassen muss, damit sie Neues greifen kann, hinterherschieben - das war’s auch schon. Anfänger lernen so erst einmal belastende Gefühle und Erinnerungen irgendwie „loszulassen”. Was genau das sein soll, kann im Zweifel nicht endgültig geklärt werden, weil auch Unterbewusstes dazu gehört, aber was schlechte Laune macht, betroffen oder gar wütend, gehört in jedem Fall dazu.
Am Besten wirkt es, wenn schnell und schmerzlos losgelassen wird, und noch besser ist es, wenn der Vorgang eine heitere Note bekommt, deshalb wird jetzt ein bunter, mit Helium gefüllter Ballon in der Hand imaginiert. Anschließend die Hand öffnen, den Ballon loslassen und seinem Entschwinden befreit und entspannt nachblicken. Das kann man jetzt, weil man ihn ja nicht länger braucht - der Ballon kann sich nun „dem Wind anvertrauen und dorthin schweben, wo er von Nutzen ist”.
Wie genau man loslässt bleibt im Zweifel auch irgendwie im Dunkeln, aber Mantras, heilende Steine und Phantasiereisen sollen dabei ebenso helfen, wie aufgelegte Reikihände.
Die Stufe für Fortgeschrittene:
Nachdem man das Schlechte los gelassen hat, darf man nur noch Gutes denken und Gutes wollen. Warum? Weil wer nichts Schlechtes will und denkt, auch nichts Schlechtes anrichten kann und wer nichts anrichtet, kann auch kein Karma ansammeln, jedenfalls kein schlechtes. Von hier ist der nächste spirituelle Schritt zum „positiven Denken” und zum „Gesetz der Anziehung” nicht mehr weit.
Insgesamt ist das raffiniert überlegt und weil das Bild vom Ballon so einleuchtend ist und Gutes denken und wollen nichts Schlechtes sein kann, will man auch gerne mitmachen und fängt halt irgendwie mit dem Loslassen an.
Nun funktioniert die Empfehlung „du musst loslassen” etwa genauso gut, wie der Ratschlag „sei doch mal spontan”, nämlich gar nicht - und das ist ein Grund für echte Dankbarkeit, denn für die spirituelle Entwicklung ist Loslassen ungefähr so hilfreich, wie für einen Bergsteiger, der sich gerade an einem Seil die senkrechte Wand hinaufzieht. Ihm den Rat zu geben, er soll das Seil loslassen, an dem er hängt, weil er kurz vor dem Gipfel jammert, der Weg nach oben sei so anstrengend, ist verantwortungslos und zeugt von absolutem Unverständnis.
Der Sinn menschlicher Inkarnationen besteht im Lernen und heftige, ja selbst unangemessene Gefühle und Gedanken sind im gegenwärtigen Leben das, was dem Chefkoch ein über Stunden eingekochter Fond in seinen Töpfen ist - nämlich Essenz und Konzentrat. Dieses Konzentrat ist Basis und Grundlage vieler Gerichte, man muss es probieren und seinem Wesen auf den Grund gehen und eben nicht loslassen - das käme einem Ausgießen in den Rinnstein gleich.
Gefühle, vor allem unangenehme wie Trauer, Schmerz, Zorn, sind Überbleibsel von und Erinnerung an Lernerfahrungen vergangener Leben und es sind genau diese Erfahrungen und Gefühle, die uns beim Lernen helfen, weil sie uns mit dem konfrontieren, das uns entspricht. (Siehe “Ähnliches zieht Ähnliches an” und “Gerecht und Ungerecht”)
Aber sie sind lästig und stören das positiv ausgerichtete Wohlbefinden im Allgemeinen und das spirituelle Lebensgefühl im Besonderen und deshalb wird im gerade gelebten Leben auf Biegen und Brechen versucht, sowohl die Lernsituation als solche zu vermeiden als auch die mit ihr verbundenen Gefühle loszuwerden. Diese Gefühle bilden aber das Fundament, das Lernen ermöglicht und wenn wir irgendwann dazu in der Lage sind richtige Entscheidungen zu treffen, verdanken wir es den von ihnen gelegten Grundlagen. Um maximalen Nutzen aus ihnen zu ziehen, muss man also nicht raus, sondern mitten in sie hinein und das ist das Gegenteil von loslassen! (Siehe “Erkenntnis und Einsicht”)
Die Stufe für wahre Meister:
Listig werfen die Allerschlausten unter den ganz Schlauen jetzt ein, dass sie gerade wegen des Gesetzes der Anziehung nicht nur Schlechtes loslassen, sondern auch Gutes nicht mehr wünschen, eben weil die Lösung darin liege ALLES loszulassen: Denn wer frei von jeglichen Bedürfnissen ist und sich auch von den zugehörigen Gedanken und Gefühlen befreit hat, kann gar nichts mehr anziehen, ist deshalb der damit verbunden Verstrickung nicht länger unterworfen und findet zur Belohnung den direkten Weg ins gelobte Land.
Diese Überlegung scheint bestechend, führt aber trotzdem in eine Sackgasse, weil sie unterstellt, Loslassen sei eine Entscheidung, die man treffen oder ein Weg, den man, wie auch immer, beschreiten könnte. Aber Loslassen ist weder eine Entscheidung noch ein Weg, sondern letzter Schritt und Ziel einer langen Entwicklung. Es ist das Ergebnis sehr harter Arbeit und müsste eigentlich „es löste sich auf” oder „es ging davon” heißen, denn ERST wenn man ein Problem verstanden und von allen Seiten erfahren und beleuchtet hat und ERST wenn man immer eine ausgewogene und balancierte Haltung zu diesem Problem einnehmen kann und ERST wenn man weiß, wann welche Entscheidung zu diesem Problem warum die Richtige ist, DANN und ERST dann hat sich jegliche Verdichtung aufgelöst.
„Loslassen” ist die Siegesmedaille für harte Arbeit an sich selbst und sie wird vergeben, wenn das Ziel erreicht ist und nicht dadurch, dass man den Weg zum Ziel umdeklariert. Auch ein Marathonläufer kann seine Medaille erst entgegennehmen, wenn er tatsächlich 42 km gelaufen ist, er bekommt sie nicht dafür, dass er um die Medaillen herumschleicht und „ich will eine Medaille, ich will eine Medaille” kräht.
Aber nehmen wir an, ein Mensch hätte a.) erkannt, dass er sein Bedürfnis nach meinetwegen materiellem Wohlstand hinter sich lassen muss, um befreit zu sein und nehmen wir weiter an, er hätte b.) seine Erkenntnis tatsächlich in Einsicht umgesetzt, d.h. los- bzw. hinter sich gelassen.
Jetzt sitzt er also auf dem Gipfel seiner neuen, in Einsicht umgewandelten Erkenntnis und schließt messerscharf, dass, was einmal funktioniert hat, grundsätzlich wieder funktionieren muss. Nachdem er sich ordentlich angestrengt und heftig nachgedacht hat, abstrahiert er seine Erfahrungen, benennt sie in „Regeln zum Loslassen” um und gibt die freudige Botschaft, die sich zwischen den Zeilen versteckt, an alle weiter, denen sie nützlich sein könnte, also so ziemlich an jeden:
Sie ist vom buddhistischen Ansatz gar nicht so weit entfernt und lautet, dass „Du musst loslassen” so eine Art All-Inclusive-Paket sei - wer das Prinzip EINMAL in Zusammenhang mit was auch immer verstanden habe, hätte den Rest damit auch irgendwie abgehakt. Erklimmt man einen Gipfel und will sich dann die Mühsal weiterer Kletterei ersparen, bleibt man fein still auf seinem Gipfel sitzen und wartet darauf, dass der Heilige Geist einen in Gestalt einer Taube abholt und ins Nirwana, mindestens aber zum nächsten Gipfel trägt.
Gipfelhopping funktioniert aber nicht und einen Gipfel erstiegen zu haben reicht nicht, denn das ist nicht das Ziel, sondern nur eine Etappe, ein Teil-Ziel. Man muss immer weitere Gipfel ersteigen, weil Einsicht, also loslassen können - besser losgelassen werden, weil man es nicht mehr anzieht - für jede einzelne Erkenntnis neu erworben werden muss und jede Einsicht nur ein kleines Stückchen Verdichtung auflöst.
Und was lernen wir daraus?
Das „Loslassen”, das überall gepredigt wird, ist ein anderes Wort für „sich drücken” oder „aufgeben” und ist nur um den Preis maximaler Verdrängung, mit welchen Mitteln auch immer, zu erreichen - oder durch maximale Ignoranz. Die wird dann zur spirituellen Leistungsdisziplin aufgewertet und schon fühlt sich das ganze Verfahren nicht nur viel eleganter an, es lässt sich auch noch prima mit dem eigenen Gewissen vereinbaren - wer’s glaubt …
Wer meint, er könne sich auf einem Gipfel in irgendeiner Ecke niederlassen, die schöne Aussicht genießen und ansonsten Augen und Ohren zu machen und nichts wollen, wird nicht weit kommen. Spirituelle Entwicklung führt immer wieder runter von den Gipfeln und mitten rein in die zahllosen Täler der Tränen und jeder weitere Gipfel muss erneut mühsam erklommen werden - nichts und niemand kann einem den nächsten Abstieg und Aufstieg ersparen.
Ein echter spiritueller Meister wird helfen, die im Moment richtige Ausrüstung für den im Moment richtigen Gipfel zusammenzustellen, was nicht leicht ist, denn sowohl Ausrüstung, als auch Gipfel sind für jeden immer anders, aber Geheimtipps für Abkürzungen oder gar Tricks, wie man sich den Weg überhaupt ersparen kann, hat er nicht.
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15. Dezember 2009 at 6:04 pm
Ihr Artikel ist einfach super. Ich habe das auch ausprobiert und es funktioniert nicht. Ich habe schallend gelacht und mich köstlich amüsiert.
Ich bin sehr krank geworden, durch die Dominanz und Manipulationen meines Partners über das Unbewußte und suche heute noch einen Ausweg aus der Niedertracht. Die Erkenntnis im Tal ist niederschmetternd.
Wie Sie schon sagten, der Weg ist steil im Bewätigen von
Lebensaufgaben die einem gestellt werden. Loslassen kann man erst, wenn etwas bewältigt ist und abglegt werden kann.
Bewegen ist der Weg zum Loslassen.
Liebe Grüße
13. Juni 2011 at 11:16 am
Loslassen heißt sein Karma hinnehmen, den eigenen Spiegel aus vergangenem zu akzeptieren, sich dessen bewusst sein, es hinter sich lassen und nicht womöglich ein lebenlang etwas mit sich herumtragen.