Über den Ursprung der Welten

Ich hab’s doch nur gut gemeint

18. Juli 2009 von Helena

 

oder

Das Pontius-Pilatus-Prinzip

 

Sie erinnern sich an Pontius Pilatus? Das war der römische Statthalter der, wohl eher widerwillig, die Kreuzigung Christi veranlasste und anschließend seine Hände in Unschuld wusch (in der Bibel nachzulesen).
Wir wissen nicht viel darüber, was aus Pontius Pilatus geworden ist, aber der geniale Trick mit dem „Hände in Unschuld waschen” hat als Pontius-Pilatus-Prinzip während der letzten 2000 Jahre in unzähligen Varianten steile Karriere gemacht:

- Ich wollte, ich hätte anders handeln können …
- Die Sachlage hat diese Entscheidung zwingend gefordert …
- Die Fakten ließen mir keine Wahl …
- Der Sachverhalt ließ keine andere Möglichkeit zu …
- Unter den gegebenen Umständen war diese Konsequenz unvermeidlich …

Nicht zu vergessen seine besonders hintersinnigen Abwandlungen „Ich hab’s nicht bös …” oder wahlweise „Ich hab’s doch nur gut gemeint …”

Alle aufgeführten Varianten eignen sich bestens um Kritik am eigenen Handeln zurückzuweisen, aber während die erstgenannten immerhin Wissen und Bewusstheit einräumen, machen die beiden letztgenannten Unbewusstheit, Arglosigkeit und guten Willen geltend und legen dem subtile Fesseln an, der die Folgen dieses Handelns ausbaden muss. Steht doch auf einmal die Frage im Raum, ob man dem Missetäter Vorwürfe machen und ihn zur Rechenschaft ziehen darf, wenn der - wie behauptet - nichts Böses im Schilde führte oder gar nur Gutes im Sinn hatte?

In den meisten Fällen führt das Aufwerfen dieser Frage zu einer tiefen Verunsicherung des Opfers, deren Folge dann die Entschuldung des Übeltäters ist: „Naja, die Lage in die er mich gebracht hat ist nicht schön, aber er kann ja nichts dafür. Er hat sich so viel Mühe gegeben und eigentlich wollte er ja nichts Böses, da muss man dann auch mal alle Fünfe grade sein lassen, so etwas kann jedem mal passieren.”
Das, liebe Leser, ist die hohe Schule der erfolgreichen Selbstverteidigung und zeigt dass Angriff - im Fall dieser Formulierungen als Unwissenheit oder Guter Wille getarnt - tatsächlich die beste Verteidigung ist. Ein Schachzug, der fast immer funktioniert und deshalb haben sich gerade diese beiden Varianten des Pontius-Pilatus-Prinzips als unübertreffliches Totschlagsargument gegenüber jeglicher Kritik sehr bewährt.

Wirklich verblüffend ist jedoch, dass gerade diese Varianten des „die Hände in Unschuld Waschens” ausgerechnet von pseudospirituellen Esoterikern immer wieder zur Rechtfertigung des eigenen Fehlverhaltens benutzt wird. Da sollte man doch denken, dass gerade spirituell interessierte, vorgeblich durch Bewusstheit ausgezeichnete Menschen dazu in der Lage sind Fehler oder unschönes Verhalten ohne Wenn und Aber einzuräumen und dafür gerade zu stehen.
Und man sollte denken, dass gerade diese Menschen die Einsicht leben, dass „wer Fehler macht, auch die Backe hinhalten muss” und zwar selbstverständlich dann, wenn man überhaupt nicht dachte, bevor man handelte und natürlich erst recht dann, wenn sich die eigenen Gedanken als zu kurz gegriffen oder gar als falsch herausgestellt haben. So denkt und erwartet der unbefangene Betrachter, sollte es eigentlich sein, aber weit gefehlt - so ist das keineswegs.

Da die pseudospirituelle Szene dem Irrtum anhängt „der Weg sei das Ziel”, kommt es ihr weniger auf das Ergebnis des Handelns, als vielmehr auf die Absicht des Handelnden an und der Irrglauben, dass gar nicht so schlimm sein kann, was nicht mit bösen Absichten daher kommt, führt zur fröhlichen Gewissheit, dass negatives Karma in diesem Zusammenhang gar nicht erst ausgelöst wird.
Ist doch toll, da hat mein Handeln oder Unterlassen etwas angerichtet, aber weil ich mir nichts und schon gar nichts Böses dabei dachte oder es sogar gut gemeint habe, können die Folgen ja auch nicht so schlimm sein. Prima, soll sich der andere mal nicht so anstellen, Fehler passieren doch jedem mal und wir müssen schließlich alle lernen. Alles verziehen, alles gut. Oder etwa nicht?

Nichts ist gut und schon gar nicht lassen sich die Folgen rücksichtsloser Unbedachtheit durch bloßes Verzeihen aus der Welt schaffen, ganz im Gegenteil, da wird ein einwandfreier karmischer Fingerabdruck hinterlassen, ganz real und ganz echt und wer sich dessen nicht bewusst ist, dem kann es schnell wie Goethes Zauberlehrling gehen. Der war - sehr menschlich - eigentlich nur ein bisschen faul und nur ein bisschen bequem; dass er Wassereimer, Wischmopp und Besen verzauberte, geschah in völlig harmloser Absicht, ein bisschen Arbeit wollte er sich sparen, mehr nicht. Er hat ja schließlich auch schon was gelernt, da kann man ruhig mal was ausprobieren. Ein Chaos anrichten wollte er beileibe nicht und eine Sintflut wollte er schon gar nicht auslösen. So was sollte man ihm nicht vorwerfen, das ist nicht gerecht. Nee, wirklich nicht, also das auch nur zu unterstellen ist echt niederträchtig, absolut unproduktiv.

Und sollte man sich von dieser Rechtfertigung nicht beeindrucken lassen und darauf bestehen seinem Ärger und Zorn über den angerichteten Schaden Luft zu machen, kommt es richtig dicke:
„Was man nur damit bezwecken will, jemanden so in die Enge zu treiben? So viel negative Energie zu verbreiten und sich grundlos so aufzuregen, das ist völlig unspirituell. Ist doch gar nichts passiert und überhaupt, Wut und Empörung über den angerichteten Schaden muss man auch loslassen können, weil man sonst nämlich noch mehr negative Energie produziert und dann muss man sich nicht wundern, dass alles schief geht. Wenn man so übel programmiert ist, MUSS das doch geradezu passieren, das KANN dann doch gar nicht mehr klappen. Bei so viel Hass kann der andere sich noch so viel Mühe beim positiven Denken geben und noch so viele schöne Gefühle haben, man macht ja alles kaputt.”

Man hört und staunt: Zur Gedankenlosigkeit gesellt sich ein gerüttelt Maß dreister Selbstgerechtigkeit und schneller, als man denkt, wird man vom Leidtragenden zur eigentlichen Ursache allen Übels.

Und die Moral von der Geschicht? Fehlverhalten bleibt auch dann Fehlverhalten, wenn die Absichten vorgeblich gut waren. Niemand, auch kein Mensch mit spirituellem Halbwissen, kann jemals seine Hände in Unschuld waschen und das gilt für alle Entscheidungen - die, die getroffen werden und die, die nicht getroffen werden.

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