Du sollst Dir kein Bild von mir machen!
oder
Wie’s Gescherr, so der Herr?
Die großen Weltreligionen haben ihre Anhänger, die weniger großen auch und dann gibt’s da noch viele bislang nicht organisierte Menschen, die sich für spirituell halten. Gemeinsam ist diesen Gläubigen das vage Gefühl, der Mensch als Gattung sei anders, besonders und irgendwie wichtiger als der Rest der Schöpfung. Dieses diffuse, kaum zu begründende Gefühl der eigenen Wichtigkeit begleitet die meisten Menschen seit ihrer Geburt, woraus sie folgern, dass es nicht trügen kann.
Die Annahme wichtig zu sein - als Individuum, wie als Gattung - führt zwangsläufig zur Erfindung eines Gottes, der eine besondere Beziehung zum Menschen im Allgemeinen und zu seinen Anhängern im Besonderen haben muss und schon sind wir mitten im Irrtum, aus dem sich weitere Irrtümer ableiten und dann noch mehr und noch mehr Irrtümer und aufgebaut ist die ganze Geschichte so:
Der erste Irrtum ist die Annahme, Menschen seien wichtig.
Zweitens: Wenn Menschen wichtig sind, muss es auch jemanden geben, der sie für wichtig hält. (Sonst wäre diese Annahme ja nichts weiter als Narzissmus)
Drittens: Dieser jemand muss außerhalb des Menschen stehen, (sonst könnte er uns keine Bedeutung verleihen) wir nennen ihn Gott.
Viertens: Weil Gott uns für bedeutsam hält, muss er sich etwas bei unserer Schöpfung gedacht haben!
Fünftens: Wenn er sich etwas gedacht hat, muss ich nur herausfinden was!
Sechstens: Wenn ich herausgefunden habe, was Gott sich gedacht hat, weiß ich auch was der Sinn des Lebens ist!
Siebtens: Wenn ich weiß, was der Sinn meines Lebens ist, weiß ich zwangsläufig auch, was der Sinn des Lebens der anderen ist.
Achtens: Wenn ich weiß was der Sinn des Lebens aller Menschen ist, habe ich die Verpflichtung (und die Macht), anderen den richtigen Weg zu weisen!
Neuntens: Wenn ich die Verpflichtung (und die Macht) habe, anderen den richtigen Weg zu weisen, muss jeder auf dem falschen Weg sein, der mein Wissen und meine Überzeugung nicht teilt!
Zehntens: Wer meine Überzeugung nicht teilt und deshalb auf dem falschen Weg wandelt, muss - nötigenfalls auch gegen seinen Willen - vor sich selbst und den Folgen seiner Unwissenheit geschützt werden. Tue ich das nicht, mache ich mich an seinem Verderben mitschuldig!
Elftens: Es ist meine Aufgabe, jeden vor sich selbst zu schützen, der dazu nicht in der Lage ist. Deshalb muss ich aufklären - missionieren - und notfalls strenge Grenzen setzen, um die Folgen von Unwissenheit für den Einzelnen und für die Gesamtheit zu minimieren.
Zwölftens: Indem ich Menschen die Bedeutung Gottes nahe bringe und sie zu einem gottgefälligen Leben anleite, werde ich der gottgefälligste Mensch von allen!
Dreizehntens: Der gottgefälligste Mensch ist auch der wichtigste!
Vierzehntens: Mein Gefühl, dass ich wichtig bin, war von Anfang an gerechtfertigt!
Zusammenfassung: Am Anfang steht das Gefühl der eigenen Wichtigkeit. Wird das Gefühl ernst genommen, führt es über die Annahme, dass Menschen tatsächlich wichtig seien zu einer Kette von auseinander abgeleiteten Irrtümern, die schnurstracks in eine von Menschen vertretene Religion mündet. Und es ist genau diese Religion, die sowohl ihren Funktionären als auch ihren gewöhnlichen Anhängern dann tatsächlich eine Rechtfertigung für das Gefühl der eigenen Wichtigkeit bietet.
Damit diese Kette funktioniert, sind konkrete Vorstellungen von dem, was Gott ausmacht und will unerlässlich. Zu diesen geistigen Vorstellungen von Gott gehört die Annahme des ewig liebenden Gottes, die natürlich heftig mit dem Unheil und den Scheußlichkeiten kollidiert, die fester Bestandteil menschlichen Lebens sind.
Hinzu kommt die Vorstellung vom gerechten Gott, die angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeiten auf dieser Welt schwer zu erklären ist. Es sei denn man greift auf die Vorstellung vom unergründlichen Gott zurück, der offensichtlich ebenso herrschsüchtig wie willkürlich ist - man erinnere sich an die Geschichte des armen Hiob, der arme Mann wusste ja nicht mehr ein noch aus.
Zum Glück gibt’s noch die Vorstellung vom gnädigen Gott: Der erlöste Hiob dann doch und wird auch uns Sündern der Gegenwart dauerhafte Gnade in Form ewiger Glückseligkeit zuteil werden lassen, ein Versprechen das selbstverständlich erst nach dem Tod eingelöst werden kann.
Es verlangt Vertretern etablierter Kirchen und spirituellen Freigeistern mehr als einen Salto ab, um die von ihnen gemachten Aussagen mit der Realität in Einklang zu bringen und ein wenigstens halbwegs zusammenhängendes Bild zu entwickeln. Diesen Salti entwachsen dann Gebilde wie Hölle, Teufel, Paradies und Fegefeuer, Tod- und Erbsünde, heiliges Sakrament und heiliger Krieg, verlorene Seele und Ungläubiger, nicht zu vergessen Reinheitsgebote und Rituale aller Art - vorgeblich alles vom lieben Gott gewollt und angeordnet.
In Wahrheit sind diese Phantasien nur Ausdruck der Vorstellungen, die sich ihre Erfinder von Gott machen, was dazu führt, dass Religionen zwangsläufig gegen das elementarste Gebot überhaupt verstoßen: DU SOLLST DIR KEIN BILD VON MIR MACHEN! Womit natürlich keine gegenständlichen Bilder, sondern eine geistige Vorstellung von Gott gemeint ist, denn ohne solche Vorstellungen kann es ja gar kein gegenständliches Bild geben.
Egal wie absurd, unlogisch und abstoßend die Vorstellungen und das Bild sind, das sich religiöse Menschen von ihrem Gott machen, die Auswirkungen wären wenig dramatisch, wenn es bei der bloßen Vorstellung bliebe. Da das Gefühl der eigenen Wichtigkeit aber nur zu rechtfertigen ist, wenn aus den eigenen Vorstellungen verbindlich abzuleiten ist, was dieser Gott von ALLEN Menschen will, MÜSSEN bloße Vorstellungen zu Ansprüchen, Regeln und Gesetzen werden, die die Menschen dieser Welt gefälligst zu befolgen haben.
Und damit stellt sich dem rational denkenden Mensch die Frage, ob er sich zu einem Gott bekennen möchte, auf den diese absurden, zusammenhanglosen und mit der realen Welt nicht zu vereinbarenden Vorstellungen passen?
Die Antwort lautet: „Lieber nicht” und weil das schon vielen Menschen so ging, hat sich über die Jahrhunderte eine kampferprobte Gegenrichtung etabliert, die sich unter hohem Blutzoll und auf der Grundlage von Wissenschaft und Rationalität die Freiheit erkämpfte darauf hinzuweisen, dass herkömmliche Gottesbilder nicht wenige Widersprüchlichkeiten aufweisen und dass Religionen auch sonst reichlich unlogisch daherkommen.
Bravo, das war eine gute Entwicklung, aber es gibt ihn auch hier, den folgenschweren Irrtum. Vertreter dieser Richtung argumentieren so:
Erstens: Das Bild, das religiös und spirituell angehauchte Menschen von den Zusammenhängen der Welt, des Universums und seines angeblichen Schöpfers verbreiten, ist unlogisch, intellektuell unbefriedigend und gelinde gesagt skurril.
Zweitens: Wir leben in einer begreifbaren, mit den rationalen Methoden der Wissenschaft zu verstehenden Welt.
Drittens: Die Wissenschaft lüftet immer mehr Geheimnisse der Welt und des Lebens und liefert im Gegensatz zur Religion bereits jetzt ein gut zusammenhängendes Gesamtbild.
Viertens: Das wissenschaftliche Bild nähert sich der Wahrheit immer mehr an und das religiöse Bild der Welt ist falsch.
Fünftens: Für das wissenschaftliche Bild braucht es keinen Gott und das religiöse Bild ist falsch, folglich gibt es Gott nicht.
Aber diese letzte Schlussfolgerung ist unlogisch und falsch, denn die Unvereinbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse mit religiösen Vorstellungen von Gott, erlaubt keine seriöse Aussage zur Existenz oder Nichtexistenz Gottes. Dass man den Blödsinn, den Millionen, wenn nicht Milliarden religiöser Profi- und Laienfanatiker daherfabulieren, um die Existenz Gottes zu begründen, beim besten Willen nicht ernst nehmen kann, ist kein Beleg für die Nichtexistenz Gottes, sondern höchstens ein Beleg für die Absurdität der Vorstellungen, die diese Menschen sich von Gott machen. Darüber, ob Gott existiert oder nicht, sagen diese Erkenntnisse hingegen gar nichts aus und wer entsprechendes behauptet und dieser Überzeugung gemäß auftritt, steht den Vertretern der religiösen Front in Sachen Volksverblödung in nichts nach.
Dass die Vorstellungen der Menschen von Gott so eng, so klein, so persönlich, so überaus beschränkt und unvernünftig sind, dass sie weder wissenschaftlichen Erkenntnissen noch eigenständigem Nachdenken standhalten, heißt nicht, dass es Gott nicht gibt. Es heißt nur, dass die Vorstellungen, die Menschen von ihm haben ganz offensichtlich falsch sind und dass man - wenn man schon nicht ohne auskommen kann und will - andere, neue Vorstellungen entwickeln muss: Vorstellungen, die weniger beschränkt, kleinlich und absurd sind, Vorstellungen, die sich in Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Ergebnissen bringen lassen und Vorstellungen, die die Größe Gottes nicht auf das peinliche Selbstverständnis alter Männer reduziert, die entweder behaupten oder tatsächlich glauben, sie sprächen mit der Stimme Gottes.
Das gilt auch für die Vorstellungen ganzer Heerscharen selbstverliebter Esoteriker, die mit ihrem Engel sprechen, Heilsteine auflegen und sich durch Gott ermächtigt sehen, Karma zu vergeben. Ihr Gottes- und Weltbild verbreiten sie mit der gleichen Selbstgewissheit, wie alle anderen Missionare auch und es steht deren Vorstellungen auch an Beschränktheit in nichts nach - wie sie das tun, konnten Sie in den vorangegangenen Artikeln lesen.
Wenn die Aussage „Wie der Herr, so’s Gescherr” auch nur ein Körnchen Wahrheit enthält, was für ein kleiner, armseliger und unattraktiver Gott wäre das, der sich solche Vertreter, Fürsprecher und Diener erwählte? Oder der Umkehrschluss „Wie’s Gescherr, so der Herr” ist unzulässig und durch die selbsternannten irdischen Vertreter Gottes wird sein wahres Wesen nicht einmal ansatzweise enthüllt, was diese Vertreter ihrer Wichtigkeit beraubt und sie völlig überflüssig macht.
Liebe Leser, dies war der letzte meiner Artikel und der mit Abstand Wichtigste. Dass es mehr „Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als die Schulweisheit sich träumen lässt” bedeutet nicht, dass dieses MEHR irrational ist. Suchen Sie wo immer Sie wollen, aber verzichten Sie nie darauf, kritische Fragen zu stellen. Glauben Sie nichts, was Ihnen nicht schlüssig begründet wird - dass Ihr religiöser, spiritueller oder auch naturwissenschaftlicher Gesprächspartner keine Erklärung hat, heißt nicht, dass es keine gibt, sondern nur, dass er sie noch nicht gefunden hat.
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21. Juni 2010 at 12:08 am
hallo,
sie sind am richtigen weg…
ron morisson