Über den Ursprung der Welten

Das Märchen vom vergebenen Karma

4. Mai 2009 von Helena

Es war einmal ein kleines Königreich, in dem sich die Menschen immer sehr bemühten ein friedliches und angenehmes Leben zu leben, aber es gelang ihnen nicht. Es gab immer irgendwo Streit oder es passierten unangenehme, manchmal sogar schlimme Dinge - ja, das Schicksal meinte es nicht gut mit den Bewohnern. Da kamen die Menschen irgendwann zusammen und fragten sich: Warum können wir nicht angenehm und in Frieden leben? Warum passieren immer diese dummen Dinge, die keiner haben will und warum werden gerade wir so vom Schicksal gestraft? Aber niemand wusste eine Antwort und deshalb beschlossen sie, Boten in alle Himmelsrichtungen auszuschicken, die Antworten auf diese Fragen und einen Weg finden sollten, wie sie in Frieden leben könnten.

Mit Pferden und Proviant versorgt machten sich die Boten auf und nach vielen Wochen gelangte einer von ihnen in ein Dorf. Dort hörte er von einem weisen alten Mann, der einsam in einer Hütte lebte und ihm vielleicht Antwort geben könne und er beschloss diesen Mann zu suchen. Als er ihn endlich fand, erzählte er ihm die traurige Geschichte der Bewohner seines Landes. Er erzählte von den Streitereien, den Missgeschicken und Schicksalsschlägen und von den Ungerechtigkeiten und dem Leid, das all dies mit sich brachte. Er erzählte von der Kraft, die es kostete, sich immer wieder aufzuraffen und von dem verzweifelten Wunsch, Frieden zu finden. Zuletzt fragte der Bote: „Kannst du uns helfen in Frieden zu leben? Kannst du unser Schicksal verbessern?”

Der weise alte Mann hatte ihm sehr genau zugehört, dachte kurz nach und antwortete dann: „Ich sehe, dass euer Schicksal dich traurig macht, darum will ich dir etwas erklären:
Die Ursache für all das, was euch widerfährt, nennt man Karma. Jeder Mensch auf der ganzen Welt hat sein eigenes, individuelles Karma und jedes individuelle Karma wird aus all dem gebildet, was der Mensch in früheren Leben getan hat. Aus dem, was er getan hat und aus dem, was er besser nicht getan hätte. Aber auch aus dem, was er unterlassen hat und aus dem, was er besser nicht unterlassen hätte.
Jedoch bestimmen nicht nur deine Taten dein Karma, sondern auch deine Gedanken, deine Wünsche, deine Begierden, deine Träume, deine Ziele, kurz dein gesamtes Sein ist es, was dein Karma bestimmt. Und so wie Du dich veränderst, wenn sich deine Begierden, deine Wünsche und deine Taten ändern, so ändert sich auch dein Karma und damit dein Schicksal.
Karma ist der unmittelbarste Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit, denn jeder Mensch hat immer genau das Schicksal, das ihm am Besten entspricht und sein Karma sorgt dafür, dass ihm genau die Dinge widerfahren, die wichtig für ihn sind und aus denen er noch lernen muss.”

Lange Zeit war der Bote sehr still, aber plötzlich hellte sich sein Gesicht auf und er sagte: „Dann ist unser Schicksal gar keine Strafe, sondern viel eher ein Geschenk? Und das, was uns ungerecht erscheint, ist vielmehr die Möglichkeit, genau das zu lernen, was uns fehlt? Schicksal und Karma sind etwas Gutes und nichts, was wir loswerden dürfen?”
„Ich danke dir für deine große Hilfe” rief er noch, als er bereits halb auf seinem Pferd saß und dann ritt er so schnell er konnte nach Hause, weil er allen die gute Botschaft gleich verkünden wollte.

Nach vielen anstrengenden Wochen, kehrte der Bote als letzter wieder in das kleine Königreich zurück und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als sich alle Bewohner in einer großen Versammlung zusammengefunden hatten, weil sie nicht länger auf ihn warten wollten. Die meisten anderen Boten hatten bereits von ihrer Reise berichtet, aber einer von ihnen erzählte gerade von einer guten Fee, die er getroffen hatte. Und die habe ihm erklärt, das schwere Schicksal jedes Einzelnen stamme von seinem Karma aus früheren Leben, aber weil sie einen Zauberstab habe und über besonders viel göttliche Energie verfüge, könne sie allen das Karma vergeben und ihnen so zu einem friedlichen, angenehmen Leben verhelfen.

Der Bote war entsetzt, ergriff das Wort und erzählte von dem weisen Mann. Er erklärte, dass jeder Karma bräuchte, um sich zu entwickeln und zu lernen, deshalb sei es ein großes Geschenk, dass man sich nicht wegnehmen lassen dürfe. Er beschrieb, warum Karma Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Seins sei und fragte, was das Vergeben von Karma dann anderes bedeuten könne, als die Persönlichkeit auszulöschen?
Aber all seine Erklärungen und Warnungen blieben vergebens, denn die Bewohner des Königreichs wollten nicht mühsam lernen, sondern in Ruhe und Frieden leben. Deshalb beschlossen sie, die Fee einzuladen und sie zu bitten, ihnen allen ihr Karma zu vergeben.

Die Fee nahm die Einladung an und als sie nach wenigen Tagen im Dorf ankam, wusste der Bote, dass er nichts mehr ausrichten konnte, bestieg sein Pferd und ritt so schnell er konnte davon, um aus dem Einflussbereich des Zauberstabs zu gelangen.

Als er sicher war, dass die Fee ihre Aufgabe erfüllt hatte, kehrte er, besorgt darüber, was er vorfinden würde, nach Hause zurück und traf bald den Vater, den er höflich grüßte und fragte: „Ist euer Karma vergeben?” und der Vater bejahte dies. „Und führt ihr keinen Zwist mit den Nachbarn mehr?” „Hm”, antwortete der Vater, „ein paar Tage war es tatsächlich friedlich. Aber dann brach wieder Streit los und es gab auch immer noch Schicksalsschläge und Ungerechtigkeiten, also bin ich zur Fee gegangen und sie hat mir erklärt, warum das so sei. Sie sagte, dass besonders entwickelte Seelen sich manchmal freiwillig melden müssen, um Spiegel für andere sein. Diese Seele erleidet dann Schicksalsschläge und Ungerechtigkeiten, damit andere, weniger entwickelte Seelen etwas lernen und so ist es jetzt bei uns.”

Der Bote war froh, dass sich seine Eltern nicht verändert hatten und wenn sie denn besonders entwickelte Seelen waren, sollte ihm das recht sein. Frohgemut ritt er zu verschiedenen seiner Freunde weiter: Ob das Karma vergeben sei? Ja. Ob es noch Ärger und Streitereien gebe? Ja, schon, aber, so hatte die Fee ihnen gesagt, sie seien besonders entwickelte Seelen und würden zum Nutzen der anderen …

Und egal wie viele Menschen der Bote auch fragte, das Karma war zwar allen vergeben worden, aber ihr Schicksal war das gleiche wie zuvor. Im Unterschied zu früher glaubten alle jedoch, so entwickelt zu sein, dass sie ihr Schicksal zum Heil ihrer Mitbürger freiwillig auf sich genommen hätten!

Da freute sich der Bote, denn er hatte tatsächlich befürchtet, dass die Fee mit ihrem Zauberstab das große göttliche Geschenk des Karmas, das Geschenk der Selbstbestimmung, das Geschenk der Freiheit allein für das eigene Schicksal verantwortlich zu sein, einfach hätte wegzaubern können.
Und ein bisschen schämte er sich auch, weil er es für möglich gehalten hatte, dass ein gerechter Gott so eine schreiende Ungerechtigkeit zulassen würde.

Bald ging alles seinen gewohnten Gang: Die Menschen stritten und es gab Schicksalsschläge und Ungerechtigkeiten. Vielleicht gab es sogar noch ein bisschen mehr Streit als zuvor, weil sich alle für besonders entwickelt hielten und damit gerne prahlten, aber der Bote war glücklich, denn er wusste, dass alles am richtigen Platz war und dass jeder Mensch seinen eigenen Weg bestimmt.

Und wenn sie nicht gestorben sind … nein, gerade wenn sie gestorben sind, finden sie anderswo erneut einen passenden Platz, an dem sie die Möglichkeit haben, genau das zu lernen, was als nächstes von ihnen gelernt werden muss.

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