Über den Ursprung der Welten

Das Gesetz der Anziehung und die Finanzkrise

21. Februar 2009 von Helena Balasz

oder

Ähnliches zieht Ähnliches an

Das Gesetz der Anziehung ist DAS Dogma, DAS zentrale Gesetz moderner Pseudospiritualität. Es wird behauptet, dass wer es richtig versteht und richtig anwendet, erreichen und bekommen wird, was er sich wünscht.
Vom Parkplatz bis zum Lottogewinn, vom Traumhaus bis zum Traumjob, vom richtigen Partner bis zur vollständigen Genesung von der tödlichen Krankheit - alles ist drin, alles ist möglich, wenn man nur das Gesetz der Anziehung beherrscht. Beherrschen tut man es, wenn man richtig denkt, visualisiert, lebt, Hauptsache positiv. Positiv ist ganz wichtig, ein negativer Gedanke, einmal in die falsche Vorstellung abgedriftet und alles ist hin. Die Technik ist deshalb auch wichtig und sie besteht vor allem darin, sich nur mit einer Seite der Medaille zu beschäftigen, nämlich der schönen, liebevollen, angenehmen, heiteren, der positiven eben. Kurz gefasst: „Es ist eine Sache der Frequenzausrichtung”.

Dieses Gesetz so zu verstehen und benutzen zu wollen ist, als wolle man die Schwerkraft überlisten, indem man sich vorstellt, man sei „leicht wie eine Feder”: Ich denke, dass ich ganz leicht bin und schwupps zeigt die Waage weniger an. Wenn das nicht funktioniert, habe ich vielleicht nicht positiv genug gedacht, muss jetzt zur Technik für Fortgeschrittene greifen und visualisiere intensiv, wie ich von Woche zu Woche dünner werde - jetzt hat die Waage keine Wahl mehr, sie muss der Kraft meiner Visualisierung folgen und Woche für Woche weniger Kilos anzeigen.
Funktioniert das immer noch nicht, muss ich meinen Traum leben, weil der sich nämlich nur dann manifestieren kann, wenn ich fest davon überzeugt bin, dass er sich schon erfüllt hat. Schon der geringste Zweifel ist kontraproduktiv und wird alles zerstören. Negatives, was auch immer sich jeder darunter vorstellt, wird mit aller Kraft weggedrückt, denn es soll nicht sein, was nicht sein darf.

So verstanden, dienen spirituelle Gesetzmäßigkeiten in erster Linie als nützliches Werkzeug und Spiritualität läuft darauf hinaus, einen Weg zu finden, sich seine Wünsche durch die „Kraft der eigenen Gedanken” zu erfüllen. Geadelt wird diese Form des „Habenwollens” dadurch, dass man sich neben dem guten Job, den stetig wiederkehrenden, selbstverständlich gutbetuchten Kunden auch den Weltfrieden oder Gesundheit für alle wünscht. Das wird dann auch ganz fest imaginiert, da ist man konsequent, denn zusammengefasst lautet die simple Botschaft: Dein Denken macht dein Sein aus und was du denkst, wirst du anziehen und was du anziehst, wird sich dann auch in deinem Leben manifestieren.

Seltsam nur, dass ein magersüchtiges Mädchen mit der hartnäckigen Überzeugung es sei zu dick, immer dünner wird statt dicker - wie kommt das bloß?
Das kommt, weil das Gesetz der Anziehung SO nicht funktioniert, was nicht heißt, dass es keine Folgen hat, wenn es auf diese Weise missbraucht wird. Wie immer, wenn man etwas tut, ohne in vollem Umfang durchdrungen zu haben, was man da eigentlich tut, führt das eigene Tun nur sehr bedingt zu den gewünschten Folgen. Viel wahrscheinlicher ist, dass es Folgen nach sich zieht, die - scheinbar - in keinem Zusammenhang mit der ursprünglichen Absicht stehen.
Naturgesetze wirken nicht unabhängig von einander und noch viel weniger tun es die spirituellen Gesetze, aus denen sie hervorgegangen sind. Wer glaubt das Gesetz der Anziehung richtig verstanden zu haben, indem er EINSEITIG positiv, durchgeistigt, nicht-materiell oder was auch immer denkt und lebt, darf und muss sich als Schöpfer einer gewaltigen Gegenkraft sehen. Und zwar jener Gegenkraft, die, dem Gesetz des Ausgleichs entsprechend, das Gleichgewicht des übergeordneten Gesamtzusammenhangs wieder herstellt. Jenem Gesetz, dem ganz selbstverständlich Yin und Yang, Tag und Nacht, Feuer und Wasser und all die anderen Gegensätze zugeordnet werden, ohne darüber zu stolpern, dass ihm auch das eigene „positive Denken” unterworfen ist.

Wenn aber so viele, so gewaltig „positiv” denken, wo, dachten die Erfinder des positiven Denkens, würde sich die diesem Denken zugehörige „negative” Seite manifestieren? Auf irgendeiner extraterrestrischen Müllhalde am anderen Ende der Galaxis? Einem unbewohnten, ungemütlichen und selbstverständlich toten Planeten, um den sich niemand schert? Oder haben sie überhaupt nicht soweit gedacht?
Und ebenso wenig, wie den „positiven Spirituellen” klar ist, dass die Schwingungen IHRES Denken ein Ventil öffnen, das die Schwingungen „negativer Materialisten” nicht nur anzieht, sondern geradezu zur Manifestation zwingt, genauso wenig ist ihnen bewusst, was ihre Schwingungen mit den angezogenen gemein haben, denn bedauerlicherweise reicht die Vorstellungskraft nicht über das hinaus, was ihnen in irgendeinem Buch oder Seminar eingetrichtert wird.

Positives Denken zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Worte umgedeutet werden: Probleme zu Herausforderungen, Herausforderungen zu Chancen, Chancen zu Möglichkeiten und Möglichkeiten zu greifbarer Wirklichkeit. Schon zeigt sich die erste Gemeinsamkeit zwischen dem „schöngeistigen, nicht-materiellem Spirituellen” und dem knallhart operierenden Broker: positiv muss man denken, dann wird das schon, da geben sich beide die Hand.
Das ist also die gemeinsame Grundlage und wie geht’s weiter? Die einen imaginieren, dass es gar nicht nötig ist, reale Werte vorzuweisen, um wohlhabend zu sein, es reicht völlig aus, wenn man sich diese Werte ganz fest vorstellt und wunderbarerweise stellen sich Geld, Autos, Häuser und noch viele andere schöne Dinge tatsächlich ein - und zwar auf Kredit.
Der wurde von den Bankern gestiftet, die imaginieren nämlich auch und zwar imaginieren sie, dass Kreditrisiken, also die Risiken, dass Kredite nicht zurückbezahlt werden, in Wirklichkeit gar keine Risiken sind, sondern Werte. Früher wurde das nur nicht erkannt, weil alle noch negativ dachten und die Situation deshalb ganz falsch eingeschätzt wurde, jetzt ist das anders, jetzt denken alle positiv.
Neues Denken führt zu neuen Sichtweisen und damit die angemessen ausgedrückt werden können, müssen neue Wörter her. Ergo: Das Wort Risiko kann gar nicht anders, als dem neuen, viel passenderen Wort Asset zu weichen. Ein Asset aber ist ein Pfund mit dem man wuchern kann: ein Wert! Und ein Wert kann als Wertpapier verkauft werden - das zugehörige positive Denken gibt’s als Gebrauchsanweisung gratis dazu.

Wunschdenken, seit ein paar Jahrzehnten „positives Denken” genannt, schafft aber keine echten Werte, sondern erzeugt eine gewaltige Blase, sowohl im Fall des Spirituellen, der sich ein Haus wünscht, als auch im Fall des Bankers, der seine Kreditrisiken zu Werten umdeklariert. Durch Imagination der einen Fraktion entstand eine Blase mit dem Label „durchgeistigter Ansatz”, durch Imagination der anderen Fraktion eine Blase mit dem Label „materialistischer Ansatz” und zusammen bilden beide ein Kontinuum des Gemeinsamkeit stiftenden, übergeordneten Begriffs:

Gier!

Und zwar der Gier nach materiellem Reichtum, Wohlstand und Besitz. Die eine Seite hat versucht sich diesen Reichtum durch scheinbar unschuldiges, positives Denken zu verschaffen und die andere Seite durch offensichtlich weniger unschuldiges Handeln und weil das mit dem positiven Denken und dem Handeln so gut zu klappen schien, haben immer mehr, immer positiver gedacht und gehandelt und beide Fraktionen gediehen und wuchsen und die Blasen, die sie in die Welt entließen, gediehen und wuchsen mit. Bis beide Blasen so gigantische Ausmaße erreicht haben, dass sie aufeinander trafen und in dem großen Knall geplatzt sind, der das Label Finanzkrise erhalten hat.

So konnte eine kleine, spirituell angehauchte Hippiewelle an der Westküste Amerikas innerhalb von vierzig Jahren zu einem mächtigen Tsunami anwachsen, dessen Gier nach den schönen und WIRKLICH wichtigen Dingen des Lebens, dessen Gier nach dem richtigen „Spirit” eine ebenso mächtige Gegenbewegung anschwellen lies, die sich - wer hätte das gedacht - auf der entgegengesetzten Seite des gleichen Kontinents manifestierte. Eine Bewegung, in der es ebenfalls um die schönen, die wirklich wichtigen Dinge des Lebens geht, eine Bewegung, bei der der richtige „Spirit” ebenfalls unabdingbar ist und dennoch eine Bewegung, die mit diesen Begriffen ganz andere Vorstellungen, ein ganz anderes Handeln, ein ganz anderes Sein verbindet als jene Welle, die in Kalifornien ihren Anfang nahm.
Beide Wellen bedingen einander, die eine ist ohne die andere nicht denkbar, weder in ihrem Ausmaß, noch in ihrer Unausgewogenheit und ihr Zusammenprall ist mit zunehmender Einseitigkeit unvermeidlich, handelt es sich doch um Geschwister - verbunden durch das übergeordnete Prinzip, dem beide entspringen. Denn die Maßlosigkeit dieser vorgeblich spirituellen Menschen unterscheidet sich in keiner Weise von der Gier der Banker und Broker, sie beschreiten lediglich einen anderen Weg und gemeinsam haben sie in wenigen Jahrzehnten die Welt erobert.
Und das ist dann auch das wahre Gesicht der Anziehung: Ähnliches zieht Ähnliches an bedeutet, dass Menschen miteinander zu tun haben, die sich in Charakterzügen gleichen und Gier, egal worauf sie gerichtet ist, ist so ein Charakterzug.

(wer zu “Ähnliches zieht Ähnliches an” mehr wissen will, liest hier weiter)

P.S: Dieser Nachsatz ist an alle gerichtet, die einwenden, die Verkünder des „geheimen Gesetzes der Anziehung” hätten durch ihren Erfolg bewiesen, dass es funktioniert.
Das ist natürlich blanker Unsinn: Deren Erfolg ist nur ein Beweis dafür, dass andere ihnen GLAUBEN es würde funktionieren und bereit sind, dafür Geld auszugeben.
Hmm, war das bei den Bankern und ihren Kunden nicht genauso?

Abgelegt in Spirituelle Irrtümer | Druckansicht des Beitrags

2 Reaktionen

  1. cassandrina

    Hallo,
    liegt es nicht in der Natur des Menschens, nach einer Verbesserung seiner Lebensumstände “gierig” zu sein?
    Grüße,
    Cassandrina

  2. cassandrina

    Dass das \”negative Denken\” sofort in spürbaren Mist ausartet ist meiner Meinung nach leicht naiv geurteilt und nicht zu Ende gedacht aber trotzdem sehr interessant dargestellt. Dass hinter jedem bewusst angewandten positiven Denken nur eine Gier nach materiellen Werten steckt, ist eigentlich eine These, diese kann man nicht durch Beispiele beweisen. Die Gegenseite hätte jederzeit die gleichen (gleich im Sinne von entgegengesetzt) Argumente. Was steckt denn hinter jeder Gier nach materiellen (und hier materiell im Sinne von einer materiellen Welt , wobei materiell für mich gerade einen Nachgeschmack von verkleidet, unbewusst hat) Werten? Das ist die Frage, die sich mir dann sofort stellt. Ist es nicht allein der Glaube, sich dann im Besitz des Erwünschten befindend einfach glücklich zu fühlen? Daher verfolgen wir alle ohne Ausnahme zumindest dieses eine Ziel gemeinsam, der Weg dahin muss ja ein anderer für jeden sein, Konformität würde bedeuten, nicht zu existieren. Nicht einzigartig zu sein.

Kommentar
  1. (*)
  2. (*)
  3. (*)
 

cforms contact form by delicious:days

Bitte beachten: Die Kommentar-Moderation ist eingeschaltet, deshalb könnte Ihr Beitrag etwas später veröffentlicht werden. Sie brauchen Ihren Kommentar nicht mehrmals abzugeben.