Wohin die Liebe führt
Wie es kommt, dass die Einen im Namen der Liebe Dinge tun, für deren Folgen die Anderen die Backe hinhalten müssen:
Ältere Herren haben oft viel Zeit und manchmal auch Geld und so ein älterer Herr ist Auslöser für diesen Artikel. Der Herr, um den es geht, ist 72, lebt in der Schweiz und verfügt über Zeit und Mittel Wasservögel zu züchten, unter anderem aus Australien stammende schwarze Trauerschwäne und weil das eine fremde Art ist, die in der Schweiz nicht beheimatet ist, darf sie - zum Schutz der heimischen Artenvielfalt - nicht ausgesetzt werden.
Aber Liebe ist ein mächtiges Gefühl und weil der ältere Herr seine schwarzen Schwäne liebt, konnte er es „nicht übers Herz bringen, sie einzusperren” und deshalb schwimmen sie jetzt auf dem Thunersee, da hat er sie nämlich freigelassen, was für ihn nicht schwierig war, weil sein Garten am Seeufer liegt. Natürlich hat er es nur mit schlechtem Gewissen getan, anfänglich; weil er das Gesetz respektiert, eigentlich. Und ganz bestimmt will er keinesfalls, dass die heimischen weißen Höckerschwäne irgendwann durch seine schwarzen Schwäne verdrängt werden, aber seinen Garten mit einem Netz abdecken, damit weitere Schwäne und exotische Gänse am Ausbüxen gehindert werden, will er auch nicht. Und zu kontrollieren, dass sich zehn, von der Behörde ausnahmsweise geduldete schwarze Schwäne nur in einem exakt begrenzten Gebiet auf dem Thunersee aufhalten, ist für ihn unmöglich. Sagt er.
Aha.
Nun könnten Medien und Öffentlichkeit die Uneinsichtigkeit eines älteren, wohlhabenden Mannes geschlossen als Altersstarrsinn rügen und den Beamten des Bundesamts für Umwelt unterstützen, der versucht seiner Aufgabe, heimische Arten zu schützen, gerecht zu werden.
Aber so ist das keineswegs, sondern so: Der Zorn der Öffentlichkeit richtet sich NICHT gegen den eigentlichen Verursacher der Aufregung. Er richtet sich NICHT gegen den Mann, der in falsch verstandener Liebe seine Schwäne wissentlich der Gefahr des Abschusses aussetzt. Er richtet sich NICHT gegen den Mann, der versäumte seinen Schwänen wenigstens die Flügel zu stutzen, um eine unkontrollierte Verbreitung einzudämmen, wenn er sie denn schon aussetzt.
Nein, es ist ganz anders. Der Zorn der Öffentlichkeit richtet sich in heller Empörung gegen die, die sich nicht durch eigenes Fehlverhalten in eine Lage gebracht haben, die ihnen vorzuwerfen wäre. Gegen die, die sich keine Verfehlung zu schulden kommen ließen und jetzt der Situation ausgesetzt sind, dem gesetzwidrigen Treiben eines Einzelnen freien Lauf zu lassen - mit allen Folgen, die das haben kann - oder landesweit als „unterbeschäftiger, eidgenössischer Oberbürokrat” und „Paragraphenreiter” angeprangert zu werden.
Er richtet sich gegen Menschen, denen „Rassendiskriminierung und Fremdenfeindlichkeit” vorgeworfen wird, obwohl die rücksichtslose, von gedankenlosem Egoismus geprägte Tat eines anderen sie in eine Zwangslage brachte. Er richtet sich gegen den Beamten des Umweltamtes und seine Mitarbeiter, die die Eier der schwarzen Schwäne zerstören und die Schwäne notfalls erschiessen müssen, um die heimische Artenvielfalt zu schützen. Er richtet sich nicht gegen den, der agierte, sondern gegen die, die reagieren müssen.
Ein Mann liebt seine Schwäne also so sehr, dass er - obwohl es ihnen keineswegs schlecht geht - ein Gesetz übertritt, von dem er weiß, dass es ein sinnvolles, gutes Gesetz ist. Die Menschen, die die Auswirkungen seines Handelns irgendwie handhaben müssen, liebt er hingegen nicht genug, um ihnen den Spießrutenlauf durch das Dorf des “öffentlichen Gutmenschtums” zu ersparen. Dabei wäre das ganz leicht gewesen: Er hätte ein bisschen über die Folgen gegrübelt, die sein Tun unausweichlich für jeden haben würde, dessen öffentlicher Auftrag es ist, die heimische Natur zu bewahren. Dann hätte er seinen Mitmenschen ebenso viel Mitgefühl entgegengebracht, wie seinen Schwänen und schon wäre die Entscheidung zugunsten der Schwäne nicht mehr so leicht gewesen. Und hätte er sogar ein bisschen MEHR Mitgefühl für seine Mitmenschen, als für seine Schwäne empfunden, wäre diese blöde und vollkommen überflüssige Geschichte gar nicht erst passiert.
So kommt das dann, dass die Einen im Namen der Liebe Dinge tun, für deren Folgen die Anderen die Backe hinhalten müssen.
(Quelle: SPIEGELONLINE)
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